Goldränder

Von Fran Schmidt

Oktober ist Brustkrebsmonat: Aufmerksamkeit soll entstehen für Vorbeugung, für bessere Forschung und für die Menschen, die tagtäglich gegen Krebs kämpfen. So schwer krank zu sein verändert auf einen Schlag das gesamte Leben. Und gleichzeitig ist man noch der- oder dieselbe: mit Interessen, Hobbies, Beziehungen, die über die Krankheit hinausgehen. Schwer zu begreifen ist das. Diejenigen unter Ihnen, die bereits eine schwere Krankheit oder lebensverändernden Einschnitt erlebt haben, werden das Gefühl nachvollziehen können. In Gesprächen mit der Frauenselbsthilfegruppe Gießen, die sich monatlich in unserem Gemeindehaus in Allendorf trifft, habe ich auch erfahren, wie Betroffene gemeinsam der Lebensfreude trotz Krebs Raum geben können.

Mir ist ein japanisches Handwerk begegnet, das ein Bild dazu geliefert hat: Kintsugi. Das bedeutet: Goldverbindung. Zerbrochene Keramik wird mit einem Lack aus Goldpuder repariert. Aus den Scherben des Alten entsteht etwas Neues mit einzigartiger goldener Schönheit. Gott ist wie eine Kintsungikünstler*in unseres Lebens. Gott verspricht die gebrochenen Herzen zu heilen und die offenen Wunden zu verbinden. Nicht so, dass alles wieder so werden muss wie zuvor, dass niemand den Kampf und die Narben sehen darf. Sondern es ist ein Heilwerden in dem Brüche, Verletzungen und Risse Teil unserer Geschichte bleiben dürfen. Die Narben mit Gold veredeln – ein Widerspruch? Das Gold, das die Schale zusammenhält ist ein Symbol für besonderen Wert.  Wo die Leistungsgesellschaft Krankheit als Leistungsausfall abwerten, da sagt Gott: In meinen Augen bist du mit deiner Krankheitsgeschichte von unschätzbarem Wert. Deine Narben, die von deinem Kampf erzählen, hülle ich golden ein. Gott selbst ist die Erfahrung nicht unbekannt – ist Gott doch auf der Erde nicht ohne Narben geblieben. In Gottes goldene Schale darfst du dich fallen lassen und einen Moment ausruhen, auftanken ganz ohne schlechtes Gewissen. 

Fran Schmid ist Pfarrer*in der Ev. Philippusgemeinde Gießen