Christine Specht gehört zur geburtenstarken Nachkriegsgeneration, den sogenannten Boomern. Ende der achtziger Jahre bedeutete das für eine junge Theologin eine eher geringe Chance auf eine Pfarrstelle, denn damals gab es anders als heute zu viele Anwärterinnen für wenige unbesetzte Pfarrstellen in der evangelischen Kirche.
Gemeinsam eine Pfarrstelle
Christine Specht und ihr Mann Andreas - sie hatten sich während des Theologiestudiums in Bethel kennengelernt – entschieden nach dem Vikariat, sich künftig eine Pfarrstelle teilen zu wollen. 1991 wurden sie in Gonterskirchen (Laubach) gemeinsam ordiniert, formell in den kirchlichen Dienst eingeführt. „Die Anstellung mit je einer halben Stelle haben wir bis heute beibehalten, weil das eine wunderbare Aufteilung von Berufs- und Familienleben ermöglicht.“ Die Erziehung und Betreuung ihrer drei heute erwachsenen Kinder haben sie sich geteilt, bevor das richtig modern wurde. „Und wir konnten meine Mutter in unseren Haushalt aufnehmen, als ihr das Alleinleben nicht mehr möglich war.“
2002 wechselten Spechts nach Garbenteich, wo sie seitdem wohnen. Vier Jahre später waren sie dann auch für die Gemeinde Hausen/Petersweiher zuständig. 2019 übernahm Christine Specht die Gemeinde Allendorf, die sich vor zwei Jahren mit der Nachbargemeinde Kleinlinden zusammentat. Als Pfarrer Ekkehard Landig aus Kleinlinden in den Ruhestand ging, übernahm sie ausnahmsweise in der neuen Gesamtkirchengemeinde eine ganze Stelle. Nun, vor ihrem Ruhestand, erlebte sie eine weitere große Veränderung. In der neuen Philippusgemeinde wachsen dörflich geprägte Gemeinden wie Allendorf und Kleinlinden mit Gemeinden in der Gießener Mitte zusammen.
Veränderungen in Kirche und Gesellschaft
In den letzten fünfunddreißig Jahren hat Christine Specht viele Veränderungen in Kirche und Gesellschaft miterlebt. Vordergründig sind die Mitgliederzahlen gesunken, der finanzielle Spielraum von Gemeinden kleiner und die „Bezugsräume“ für eine Pfarrerin größer geworden.
Aber die gesellschaftlichen Phänomene sind tieferliegend. Die religiöse Sozialisation in den Familien hat sich verändert. „Früher gehörte Beten vor dem Essen, zum Gottesdienst gehen, zum Alltag dazu. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Glaube ist immer mehr zur Privatsache geworden und es fällt vielen Menschen schwer, darüber zu reden. Die heranwachsenden Kinder sind aber darauf angewiesen, in ihrer Familie oder bei anderen Menschen miterleben zu können, welche Rolle Glaube im Alltag und im Leben der einzelnen spielt“, erzählt die Pfarrerin.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Gemeindemitglieder viel Zeit in den Gemeinden verbracht. Hobbygruppen, Freizeitangebote oder gemeinsame Reisen prägten das Gemeindeleben. „Diese Zeit ist unwiederbringlich vorüber.“ Das Freizeitverhalten, verbunden mit dem kirchlichen Engagement, hat sich verändert. „Die Leute sind nicht unbedingt weniger religiös, haben aber deutlich weniger Berührungspunkte mit der Institution Kirchengemeinde.“ Distanz zu Organisationen und geringere Verbindlichkeit, das trifft nicht nur die Kirche, Sportvereine oder die Freiwillige Feuerwehr sind davon ebenso betroffen.
Einladende und offene Kirche
Umso wichtiger war Christine Specht, „dass Kirche einladend und offen bleibt“. Sie wünscht sich, dass Gemeindehäuser für das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Dorf oder der Stadt noch mehr geöffnet werden.
Persönlich war ihr immer wichtig, Kirche und ihre Mitarbeitenden müssen einladend bleiben, auch wenn sich die Pfarrerin heute um mehr Menschen kümmert und längst nicht mehr alle kennt. Oft lernt sie die ganze Familie, von der Ur-Oma bis zum Enkelkind, erst bei einem Trauergespräch kennen. „Wir haben einen freundlichen Kontakt, ein gutes Gespräch, eine gute Beerdigung und die Menschen sind dankbar.“ Trifft man sich bei anderer Gelegenheit, hatte man schon mal Kontakt. „Diese veränderte Gemeindesituation bringt auch punktuelle Seelsorge und befristete Beziehungen mit sich.“
Ihre Berufswahl hat Christine Specht dennoch nie bereut. „Das Schöne an dem Beruf der Pfarrerin ist es, kreativ sein und eigene Talente nutzen zu dürfen, die Freiheit, die Arbeitszeit selbst einteilen zu können, Verantwortung zu übernehmen und so vielen Menschen zu begegnen.“
Wird man die Pfarrerin auch im Ruhestand mal wieder auf der Kanzel sehen? Schon in den zurückliegenden Jahren sind Christine Specht und ihr Mann oft mit dem Rad oder dem Wohnmobil unterwegs gewesen, bis nach Spanien oder zu Besuch bei ihren Kindern und Enkeln. Das will sie - nach dem Ruhestand ihres Mannes Ende 2026 - intensivieren, sich um ihren Garten kümmern, fotografieren und vieles mehr. Wenigstens ein Jahr lang wird sie sich auf die Umstellung in ihrem Leben einlassen. „Wenn ich danach gefragt werde, ob ich eine Gottesdienstvertretung in der Philippusgemeinde oder in Garbenteich übernehmen kann, werde ich aber wohl zusagen.“