Wenn die Notfallseelsorgerin Kira Keßler aus Garbenteich zum Einsatz aufbricht, stecken stets die gleichen Sachen in ihrer Einsatzjacke: „Taschentücher für Tränen, Müsliriegel als Energiespender für Betroffene, aber auch eine Bibel oder Gebet-To-Go.“
Das fasst zusammen, was die Arbeit der Notfallseelsorge ausmacht. Hinter den Blaulichtern, den Absperrbändern und den Schlagzeilen über Unfälle, Katastrophen oder plötzliche Todesfälle stehen Menschen, die in den schwierigsten Momenten des Lebens Halt geben. Horst Briegel aus Hausen ergänzt: „Wir kommen nicht nur bei Todesfällen, manchmal werden wir von der Leitstelle auch gerufen, wenn Angehörige von Unfallopfern Betreuung benötigen.“
Für Menschen in Extremsituationen
Notfallseelsorger der Kirche sind da, wenn Menschen plötzlich mit einer Extremsituation konfrontiert sind und sich hilflos fühlen. „Wir sind aber nicht diejenigen, die dann viel reden, sondern wir geben den Raum für das Erschrecken, auch für ihre Sprachlosigkeit, und wir versuchen die richtigen Fragen zu stellen, tröstende Wort und Gesten zu finden“, beschreibt Pfarrer Alexander Klein aus Watzenborn-Steinberg die Erste Hilfe für die Seele.
Im vergangenen Jahr haben sich durchschnittlich alle zwei Tage Notfallseelsorger:innen im Landkreis Gießen auf den Weg gemacht. In mehr als zwei von drei Einsätzen ging es um die Betreuung nach einem Todesfall. Es geht aber nicht nur um die großen Katastrophen, oft sind es die stillen Dramen – ein Herzinfarkt beim Familienessen, ein tödlicher Arbeitsunfall, ein Suizid in der Nachbarschaft.
Zunächst geht es darum, Betroffene aus der Schockstarre zu holen und ihnen zu helfen, das Erlebte einzuordnen und praktisch zu helfen. Manchmal bedeutet das, Angehörige zu informieren, vielleicht – wenn das gewünscht ist – eine Pfarrerin zu benachrichtigen oder einfach nur einen Tee zu kochen. Notfallseelsorger kennen weiterführenden Hilfsangebote, und auch die lokalen Bestattungsunternehmen. Vor allem geht es um das „Da sein und aufmerksam zuhören“. Er habe sich mit Angehörigen schon unzählige Fotoalben angeschaut, berichtet Horst Briegel.
“Bis ich mit ruhigem Gewissen gehen kann”
Kira Keßlers Einsatz dauert so lange, bis „ich mit ruhigem Gewissen gehen kann“, weil Nachbarn, Bekannte oder Verwandte eingetroffen sind und „ich die Menschen vertrauensvoll in andere Hände abgeben kann“. Das kann eine Dreiviertelstunde sein, manchmal drei Stunden. Durchschnittlich dauert ein Einsatz zwei Stunden, weiß Pfarrer Klein aus der Statistik.
Notfallseelsorger sind keine Therapeuten. Überwiegend engagieren sich ehrenamtliche Menschen, die nicht aus kirchlichen Berufen kommen in ihrer Freizeit. Man muss keinesfalls Theologe sein. Kira Keßler und Horst Briegel arbeiten in kaufmännischen Berufen. Alexander Klein aus Watzenborn-Steinberg ist Stadtjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Gießen, die Notfallseelsorge-Einsätze leistet aber auch er zusätzlich zur Dienstzeit.
Die Zentrale Leitstelle des Landkreises Gießen koordiniert Rettungsdienst, Feuerwehr- und Katastrophenschutzeinsätze in der Stadt und im Landkreis Gießen. „Die Mitarbeiter dort schätzen die Ausbildung der Notfallseelsorge und rufen uns auch zur Unterstützung der Einsatzkräfte, wenn die schlimme Bilder im Kopf haben, etwa nach einem Einsatz mit Kindern oder gar Babys “, sagt Horst Briegel.
Wie gehen Notfallseelsorger*innen mit den belastenden Erlebnissen um?
Die Frage, wie man selbst mit den belastenden Erlebnissen umgeht, ist zentral. „Ich wurde einmal zu einem Einsatz wegen eines kleinen Bubs gerufen, der in seinem Bettchen gestorben war“, berichtet Kira Keßler. „Als ich wieder zuhause war, habe ich lange am Bett von meinem Kind gestanden und ihm beim Schlafen zugeschaut.“
Mitarbeitende erwerben seelsorgliche, psychologische und organisatorische Kompetenzen und werden mit einer qualifizierten Ausbildung auf den Dienst vorbereitet. In den Kursen geht es u.a. um die Themen Stress, Tod, Kindstod, Überbringung einer Todesnachricht, Suizid, Verkehrsunfall, Feuer, Schockreaktionen, Trauerformen oder Gesprächsführung in Krisen.
Die von der evangelischen und katholischen Kirche getragene Notfallseelsorge bietet ihren Ehrenamtlichen regelmäßige Supervisionen und Austauschtreffen an. Kira Keßler weiß aber auch, wen sie kurzfristig aus dem Kreis der Notfallseelsorger anrufen kann, um über Erlebtes zu sprechen, wenn es sie akut belastet.
Wer sich für die Mitarbeit bei der Notfallseelsorge interessiert, muss nicht zur Kirche gehören. Wichtig sind Einfühlungsvermögen, psychische Stabilität und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Informationen gibt der zuständige evangelische Pfarrer für Notfallseelsorge im Landkreis Gießen und Vogelsberg, Thomas Schill. Mail: thomas.schill(at)ekhn.de