Kirchliche Gebäude in und um Gießen auf dem Prüfstand

veröffentlicht 24.03.2026, Ev. Dekanat Gießen

Die evangelische Kirche kann sich langfristig nicht mehr alle ihre Gebäude leisten. Evangelische Kirchengemeinden in und um Gießen streben deshalb eine veränderte Nutzung oder die Aufgabe eines Teils ihrer Gebäude in den nächsten Jahren an.

Die Synode des Evangelischen Dekanats Gießen hat am 21. März bei ihrer Tagung in der Gießener Lukaskirche einen entsprechenden Gebäudebedarfsplan beschlossen. Die Synode ist das regionale Kirchenparlament aus gewählten Vertretern der Gemeinden und Einrichtungen. In dem Beschluss werden Gemeinde- und  Pfarrhäuser benannt, für die eine gemeinsame Nutzung mit den Kommunen, Vereinen oder sozialen Einrichtungen angestrebt werden soll. 

Wie können evangelische Gebäude mit sozialen Einrichtungen genutzt werden?

Der Beschluss bedeutet nicht zwangsläufig, dass Gebäude von den Gemeinden verkauft werden müssen. Stattdessen sind die Kirchenvorstände gefragt, Konzepte zu entwickeln, wie die Nutzungshäufigkeit etwa eines Gemeindehauses verbessert werden kann, erklärt Gerhard Schulze-Velmede, Vorsitzender des Evangelischen Dekanats Gießen. „Im Fokus steht vor allem, die Häuser für Dritte zu öffnen und sie gemeinsam mit sozialen Einrichtungen oder Vereinen zu nutzen. Das habe Vorrang vor einer möglichst gewinnbringenden Vermarktung. In den zurückliegenden zwei Jahren haben die Gesamtkirchengemeinden beziehungsweise die Nachbarschaftsräume aus kooperierenden Gemeinden in und um Gießen ihre Gebäude auf den Prüfstand gestellt. Die Kürzungen bedeuten einen tiefgreifenden Wandel: Viele Gemeinden müssen sich langfristig von manchen vertrauten Orten verabschieden.

Gesamtkirche EKHN reduziert Mittel für Gebäude um 20 Prozent

Hintergrund ist, dass Kirchengemeinden in den kommenden Jahren weniger Mittel für die Unterhaltung ihrer Gebäude von der Gesamtkirche, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), erhalten. „Zukünftig sollen die Zuweisungen insgesamt um 20 % gekürzt werden“, erläutert Gerhard Schulze-Velmede. Bisher übernimmt die EKHN 70 % der Kosten für die Unterhaltung und Sanierung der Gebäude. Die Kirchengemeinden tragen einen Anteil von 30 %. Damit stellt sich die Frage nach der zukünftigen Nutzung. „Da viele Kirchen unter Denkmalschutz stehen und kaum anders genutzt werden können, wurden vor allem die Gemeindehäuser in den Blick genommen“, so Schulze-Velmede. Bei diesen Gebäuden, die oft in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurden, steht oft auch eine energetische Sanierung an. 

Die bevorstehenden Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Spar- und Reformprozesses, der vor allem durch sinkende Mitgliederzahlen und zurückgehende Kirchensteuereinnahmen notwendig wird. Bis 2030 muss die EKHN ihren Haushalt um 140 Millionen Euro reduzieren – vor allem im Gebäudebereich. Ziel ist es, den Gebäudebestand an die reale Nachfrage anzupassen und so die finanziellen Mittel der evangelischen Kirche dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Obwohl bereits seit den 60er Jahren die Mitgliederzahlen zurückgehen, wuchs die Zahl der Gebäude. Um langfristig handlungsfähig zu bleiben, muss die Kirche die Ausgaben dafür deutlich reduzieren. 

Für alle Gebäude hat die Kirchenverwaltung der EKHN einen Steckbrief erstellt. Darin wird der bauliche Zustand, aber auch die Nutzung durch die örtliche Gemeinde festgehalten. „Daraufhin wurden die Gebäude nach vorgegebenen Bemessungskriterien kategorisiert, ob sie auf Dauer oder mittelfristig erhalten bleiben sollen oder nicht mehr finanzierbar sind“, berichtete der stellvertretende Dekan, Pfarrer Andreas Specht. Dabei wurde bewertet, wie stark ein Gebäude genutzt wirdob es für die Gemeinde unverzichtbar ist und ob es alternative Nutzungsmöglichkeiten gibt. 

Konkrete und tragfähige Modelle für die Zukunft kirchlicher Gebäude

Manche Gemeinden haben bereits konkrete und tragfähige Modelle für die Zukunft vorgeschlagen, so Specht. Beispielsweise die Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord, die sich auf die beiden Standorte Pauluskirche, Egerländer Str., und Michaelskirche Wieseck, konzentriert und das knapp 60 Jahre alte Thomas-Gemeindezentrum, Röderring, aufgeben will. Die Gesamtkirchengemeinde Gießen Ost hatte bereits die baufällige Wichernkirche verkaufen müssen, plant aber am Lutherberg den Neubau eines Gemeindezentrums. Nachgedacht wird auch über die künftige Nutzung des Pfarr- und Gemeindehauses an der Petruskirche im Wartweg. Möglich wäre eine weitere Finanzierung durch Vermietung.