Evangelische Kirche nimmt „Sorgen um die Demokratie“ wahr

veröffentlicht 23.09.2026, Ev. Dekanat Gießen

Die evangelische Kirche nimmt weit verbreiteten Pessimismus, gesellschaftliche Anspannung und nach den jüngsten Wahlsiegen der AfD Sorgen um die Demokratie und die Vielfalt in Deutschland wahr. Das betonte der Vorsitzende des Evangelischen Dekanats Gießen, Gerhard Schulze-Velmede, vor der Synodaltagung am Freitag, 18. September, in der Gießener Luthergemeinde.

„Mutlosigkeit treibt viele Menschen um.“ Die Kirche wolle aus dem christlichen Glauben heraus einen sachlichen und durchdachten Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung leisten. Dazu gehöre die Zuwendung zu gesellschaftlich Ausgegrenzten, der Widerstand gegen die Verunglimpfung Einzelner und ganzer Menschengruppen sowie die entschiedene Ablehnung jeglichen völkisch-nationalistischen Denkens.

Die evangelische Kirche werde sich in einer vielstimmig-demokratischen Haltung in das Gemeinwesen einbringen und aktiv für eine Kultur des Vertrauens und des Zutrauens werben, so Schulze-Velmede in seinem Bericht an das regionale Kirchenparlament.

Als wichtige Aufgabenfelder des Evangelischen Dekanats nannte er die Arbeit von 19 Kindertageseinrichtungen und Familienzentren, die kulturelle Arbeit der Kirchenmusik, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das Engagement für Menschen mit Behinderungen und Geflüchtete, sowie die Angebote der Familien-Bildungsstätte.

Besorgnis über Verschärfung des Asylrechts und Kürzung staatlicher Mittel bei der Asylberatung

Besorgt äußerte sich der Dekanatsvorsitzende über die sich abzeichnende Verschärfung des Asylrechts. Zudem unterliege die unabhängige Asylverfahrensberatung des Dekanats in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung einer drastischen Kürzung staatlicher Mittel. Dem könne nur kurzfristig mit kirchlichen Mitteln gegengesteuert werden. Seit geraumer Zeit stehe man dazu mit heimischen Bundes- und Landtagsabgeordneten im Gespräch.

Positiv bewertet Schulze-Velmede, dass sich die Kirchengemeinden auf gesamtkirchliche Strukturveränderungen eingelassen haben. Dazu gehöre insbesondere die Gründung von Gesamtkirchengemeinden und die Reform der kirchlichen Verwaltung. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) setzt Verwaltungsleitungen für miteinander verbundene Kirchengemeinden ein. Ziel ist es, Ehren- und Hauptamtliche in Gemeinden und Dekanaten von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Gemeinden sollen mehr Zeit für  Kernaufgaben wie  Seelsorge, Verkündigung und Gemeindeleben haben. „Die Neuordnung ist geprägt von dem Anliegen, die kirchliche Verwaltung zu standardisieren, zu vereinheitlichen und zu vereinfachen“, erklärte Schulze-Velmede. Mit den Reformvorhaben sollen die sinkenden finanziellen und personellen Ressourcen der Kirche zukunftssicher genutzt werden. Zum Evangelischen Dekanat gehören rund 42.000 Gemeindemitglieder in sechs Gesamtkirchengemeinden in und um Gießen.

Evangelische Kitas als Bildungsorte stärken Familien

Über die Arbeit der 19 evangelischen Kindertageseinrichtungen und Familienzentren berichteten Marc Gibcke und Simon Radtke vom Kita-Fachbereich des Dekanats den Gemeindevertretern. In den kirchlichen Kitas in der Stadt Gießen und einigen Umlandkommunen werden rund 1.400 Kinder vom zweiten Lebensmonat bis zum Schuleintritt von 430 Mitarbeitenden betreut. Diese bieten Kindern aus insgesamt 56 Nationen und unterschiedlichen Religionen und Kulturen gute Lebens- und Bildungsorte. Die Kitas stärken Familien und sind als Kirche mitten im Gemeinwesen präsent, so Geschäftsführer Gibcke.

Die Kirche habe unter sich kontinuierlich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen neue Kitas gebaut, Strukturen gestärkt, Personal gesichert und Qualität entwickelt. „Wir betreuen Kinder, die bereits im Kleinstalter wissen, wie man Tablets bedient. Wir treffen auf Familien, die mehr Unterstützung benötigen als je zuvor“, so Simon Radtke von der Kita-Verwaltung. Man treffe auf Vielfalt, aber auch auf Polarisierung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssten fit darin sein, sich diesen ständig neuen Herausforderungen professionell zu stellen.

Über Jahre habe man auf einem nahezu leeren Arbeitsmarkt Personal gewinnen müssen und trotz offener Stellen verlässlich Angebote gesichert. Jetzt seien die Kinderzahlen schnell und massiv gesunken. Die Kirche müsse sorgfältig prüfen, was zukünftig erhalten werden solle und was erhalten werden könne. Kitas blieben vertraute und starke Orte für Familien und ein wichtiger Teil der sie umgebenden Gesellschaft. „Wir als Träger werden uns nicht durch aktuelle und überhastete Trends wie die Schließung von Gruppen leiten lassen, sondern unsere Kitas für alle verlässlich durch diese Zeiten steuern“, sicherte Radtke zu. 

„Ort der Trauer für Gießen“ und musikalisches „Jahr der Psalmen“

Den Gemeindevertretern wurde auch berichtet, dass die evangelische Kirche in Gießen in den kommenden Monaten einen sogenannten „Ort der Trauer“ anbieten wird. In Kooperation mit Künstlern, Bestattern und psychologischen Beraterinnen wird dazu eingeladen, sich in Gesprächen und kreativen Angeboten der eigenen Vergänglichkeit und der Trauer um andere Menschen zu stellen. Der Pavillon des ehemaligen „Blumen-Corso“ an der Gießener Plockstraße wird dazu zeitweilig zum offenen Raum für Trauerveranstaltungen werden. Im Herbst lobt das Dekanat zudem einen Fotowettbewerb zum Thema Trauer aus. Das Trauerprojekt ist von Pfarrerin Johanna Fröhlich initiiert worden. Sie entwickelt neue Formen kirchlicher Kasualien wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, um Menschen außerhalb der Kirchengemeinden anzusprechen.

Über Entwicklungen in der Kirchenmusik berichtete die Dekanatskantorin Cordula Scobel. Beispielsweise beginne am ersten Advent eine Reihe von Konzerten und Veranstaltungen, in denen die biblischen Psalmen im Mittelpunkt stehen. Psalmen sind poetische Gebete, Verse und Lieder aus der Bibel, die Freude, Klage, Dankbarkeit oder die Bitte um Hilfe von Gott zum Ausdruck bringen. Sie sind seit Jahrtausenden in religiösen und kulturellen Traditionen verwurzelt. Kirchengemeinden sind eingeladen, die Veranstaltungsreihe mit unterschiedlichen musikalischen und kulturellen Beiträgen zu gestalten. Der Auftakt wird am 1. Advent in der Christuskirche in Watzenborn-Steinberg sein.