Evangelische Kirche: Konsequenter Schutz vor sexualisierter Gewalt

veröffentlicht 10.03.2026, Ev. Dekanat Gießen

Sind Kinder und Jugendliche in der evangelischen Kirche vor sexualisierter Gewalt und Missbrauch sicher? Diese Frage stellt sich angesichts der öffentlichen Debatten der letzten Jahre auch im Evangelischen Dekanat Gießen Gießen.

Seit fast zwei Jahrzehnten werden Fälle von Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen aufgedeckt. Auch in der Kirche. Das Evangelische Dekanat Gießen hat daraus vor langem schon Konsequenzen gezogen. 

Wie schützen die Gemeinden heute konkret Kinder und Jugendliche, die an Freizeitangeboten, Gruppenreisen oder großen Events wie dem Konficamp teilnehmen? Die Antwort: mit klaren Regeln, Schulungen und einem wachsamen Präventionsteam, sagen die im Dekanat zuständigen Präventionsbeauftragten, Edgar Viertel-Harbich und Laura Opper.

Systematische Prävention seit über 15 Jahren 

Vor über 15 Jahren begann Stadtjugendreferent Edgar Viertel-Harbich im Auftrag des Evangelischen Dekanats Gießen, Kirchengemeinden und Mitarbeitende – sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche – systematisch zu sensibilisieren und zu schulen. Sein Ansatz ist klar: „Ich habe mein Team vor Freizeitreisen immer geschult und ihren Blick auf die Achtung von Grenzen anderer Menschen gelenkt.“ Ein zentraler Punkt dabei ist die gegenseitige Kontrolle. „Das bedeutet, sich gegenseitig im Blick zu haben“, erklärt Viertel-Harbich. „Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe.“ Wer heute als Teamer:in bei Freizeiten mitfährt, absolviert zuvor eine Jugendleiterschulung, in der Themen wie Aufsichtspflicht und Kinderschutz behandelt werden. „Ich erwarte von den Teamern, dass sie die Menschen, die sie beaufsichtigen, im Blick haben. Und genauso habe ich auch mein Team im Blick“, betont er.

Klare Regeln und verbindliche Standards 

Seit einigen Jahren verstärkt Dekanatsjugendreferentin Laura Opper das Präventionsteam. Für sie ist die Haltung der Kirche unmissverständlich: „Die evangelische Kirche sagt Nein zu jeder Form von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt. Wir sehen nicht weg und tolerieren keine Übergriffe.“ Kirchliche Arbeit, so Opper, müsse für alle ein sicherer Raum sein. Dafür gelten klare Vorgaben: Jede:r, der beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, an Schulungen teilnehmen und eine Selbstverpflichtung unterschreiben – eine Art Ehrenkodex. Zudem sind Kirchengemeinden aufgefordert, eine Risikoanalyse durchzuführen. Dabei geht es um Fragen wie: Gibt es Personen mit besonderem Schutzbedarf? Existieren abgelegene, nicht einsehbare Bereiche im Gebäude oder auf dem Kirchengelände, in denen sich mögliche Täter:innen unbeobachtet fühlen könnten? „Und selbstverständlich sollen sich Kirchengemeinden bei uns melden, wenn es einen Verdacht auf Übergriffe gibt“, ergänzt Opper.

Risikobewusstsein und kultureller Wandel 

Edgar Viertel-Harbich weiß: Das Risiko für Missbrauch ist besonders hoch, wo Menschen in engem Kontakt stehen und der Eindruck entsteht, dass Regeln nicht gelten. „Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Kirchenvorstände nicht einmal wussten, wer bei ihnen ehrenamtlich arbeitete. Das hat sich deutlich gewandelt“, sagt er. Heute ist bekannt, dass das Risiko in Organisationen besonders groß ist, die sich nicht um Prävention kümmern. Ein spezifisch kirchliches Problem, das Viertel-Harbich beobachtet hat, war lange die Annahme, es könne in den eigenen Reihen keine Täter:innen geben. „Doch statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch in der evangelischen Kirche Opfer und Täter gibt“, so der Stadtjugendreferent.

Laura Opper spürt einen kulturellen Wandel: „Menschen gehen heute einfühlsamer mit dem Thema um, und es gibt eine größere Offenheit.“ Besonders wichtig ist ihr, dass bereits Kinder und Jugendliche lernen, Grenzen wahrzunehmen und zu benennen. „Ich erlebe, dass die junge Generation sehr viel feinfühliger ist, was die Grenzen anderer angeht. Sie benennen auch klarer ihre eigenen Grenzen.“ Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur in der Kirche, sondern auch in Schulen und Vereinen.

Erfolge und kontinuierliche Arbeit 

Für Viertel-Harbich und Opper ist es bedeutsam, dass es in den Gemeinden und Einrichtungen des Evangelischen Dekanats Gießen in den letzten fast 20 Jahren nicht zu sexualisierter Gewalt gekommen ist. „Dass wir das Krisenteam, das bei Meldungen von Übergriffen tätig wird, nie einberufen mussten, ist ein wichtiges Signal“, sagt Viertel-Harbich. Für ihn muss Prävention selbstverständlicher Teil des kirchlichen Lebens sein – ohne dass ständig daran erinnert werden muss.

Prävention als Daueraufgabe 

Die evangelische Kirche in Gießen zeigt: Schutz vor Missbrauch ist kein einmaliges Projekt, sondern eine kontinuierliche Aufgabe. Durch Schulungen, klare Regeln und eine Kultur der Achtsamkeit setzt sie sich aktiv für die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen ein. „Prävention darf nie enden“, betont Viertel-Harbich. „Es geht darum, wachsam zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen – jeden Tag.“

Alle Präventionsmaßnahmen und Materialien für die Gemeinden